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Gabriel Loebell Herberstein
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I first met Gabriel in Venice. He came in a white tracksuit to my studio on the Grand Canal. The sunlight was blinding white and he was dancing with some girls to Stravinsky’s “The Rite of Spring” and going through my record collection. I did not know such artists like him existed in our times. People like him are the stuff of novels. Then Gabriel is kind, wonderful, and always up to something that is way more interesting than the most of us.

TIERE QUÄLEN

15.06.16
3 min
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Wenn ich beispielsweise beim Essen Fliege denke, denke ich oft scheiss Fliege oder ich denke an nichts oder ich denke, Fliege. Vor allem denke ich an ein lästiges, krabbeliges, herumfliegendes, beschissenes scheiss Insekt, das mich mit tausenden Augen anglotzt. Von irgendwo fliegt sie mich laut an, jetzt setzt sie sich auf mich, es kitzelt, lenkt mich ab, wiederum andere Fliegen kommen nachts mich zu stechen. Eine Klasse von Ungeziefer deren Platz ich in meiner kleinen Welt nicht erkennen kann. Sind das Lebewesen, Geschöpfe Gottes, Dinger für die man Gefühle haben kann? Was für Gefühle sollen das sein? Wenn man ihren Körper mikroskopisch vergrössert, sehen sie wie Monster aus und wären sehr bedrohlich, nein nein, in Wirklichkeit sind sie zu klein um sie niedlich zu finden. Man erkennt nicht, wie sie sich umeinander kümmern, zärtlich miteinander sind, irgendwie zusammen halten, ob sie sich voneinander unterscheiden. Die Fliege hat nichts von einem Hundebaby, Kaninchen oder süssen Lamm oder den hübschen, sanften, intelligenten, bedrohten Bienen.

Vor mir liegen und strampeln mit ihren vielen, kleinen, harten, schwarzen Beinen hilflos mehrere Fliegen. Ich will einer aufhelfen, halte ihr, um sie aufzurichten damit sie weglaufen kann, meinen Finger hin um dann vielleicht neben sie einen winzigen Tropfen Wasser zu platzieren, einen Krümel Brot oder Fleisch oder Zucker zu legen, das Fenster zu öffnen, gerade diese eine nicht mit dem Insekten Spray zu besprühen das sie in wenigen Sekunden vergiften würde. Doch dann tu ich es doch. Der Fenstersims ist wie nach einer Schlacht auf offenem Feld übersät mit toten, fast toten, in unterschiedlicher Intensität strampelnden, um ihr Leben strampelnden, sich wie verrückt auf ihrem Rücken liegend herum wirbelnden Fliegen. Sie liegen im fahlen, gleichgültigen auf sie durch das Fenster fallenden Licht und verrecken weil sie seit Stunden oder Tagen in diesem Raum gefangen sind, vor Hunger oder Erschöpfung oder weil ich sie vergiftet habe. Ein paar noch flugfähige Fliegen fliegen träge und benommen ein Stück über die Leichen bis sie gegen das Fenster, die Wand knallen. Die, die nicht mehr fliegen können, laufen über die sterbenden, die toten Fliegen, keine kümmert sich um die andere, keine greift mich an, keine fliegt weg, alle die noch leben, bleiben genau hier. Ich öffne das Fenster aber keine fliegt hinaus. Ich setze mich wieder und esse weiter.

WARUM STERBEN UND NICHT VIEL LÄNGER LEBEN? Ein beschleunigter Aufriss.

08.06.16
12 min
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Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten; denn die einen geht er nicht an, und die anderen existieren nicht mehr.  Epikur

Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: Stirb zur rechten Zeit.  Friedrich Nietzsche

WARUM STERBEN UND NICHT VIEL LÄNGER LEBEN? Ein beschleunigter Aufriss.

Es spricht nicht allzu viel dafür, dass wir überhaupt sterben müssen. Für die Forschung sind potenziell unsterbliche Organismen bereits vorstellbar. Für uns heute lebende Menschen aber ist Sterben unausweichlich. Wir wissen durch das Verschwinden anderer, durch deren Tod, dass etwas extrem Bedrohliches passieren wird.
Wie weit ist die Biotechnologie, die daran forscht, unser Leben zu verlängern und dem Alterungsprozess entgegen zu wirken? Bei einer Umfrage unter den 60 bekanntesten Gerontologen gingen diese von einer durchschnittlichen Lebenserwartung eines 2100 geborenen Kindes von circa 300 Jahren aus. Die experimentellen Fortschritte der Anti-Aging-Forschung sind beachtenswert: Zu nennen sind die Gentechnik, bestimmte Typen von Diäten zur Verringerung freier Radikale, der Ersatz altersbedingt geschädigten Gewebes durch gezüchtete Zellen in der Stammzellentherapie und die Behandlung der Telomere, einer Endung jedes Chromosoms, an dem jene Gene vermutet werden, die das Lebensalter wesentlich durch das Fördern der Zellteilung auch nach dem „natürlichen“ Abklingen dieser Teilungen mitbestimmen. So konnte man beispielsweise das Leben von Fadenwürmern durch die Manipulation der Steuerung eines Gens bzw. des entsprechenden Zielmoleküls um ein Sechsfaches verlängern. Auch bei Mäusen ist es mit einer extremen Diät gelungen, deren Alter um bis zu 70 Prozent zu verlängern. Die Forschung am Potential von Diäten zur Lebensverlängerung arbeitet vor allem an der Reduzierung von Kalorien. Den größten Einfluss auf das Altern des Organismus haben die freien Radikale, eine Art Sauerstoffmolekül, das in der Nahrung und in der Atemluft enthalten ist. Sie greifen die Zelle an und zerstören sie beim Stoffwechsel. Anti-Oxidantien, die der Körper selbst produziert, zerstören einen Teil dieser freien Radikale. Sie sind in Vitaminen enthalten, können aber nicht genügend freie Radikale zerstören, um den Alterungsprozess zu stoppen. Der hier beschriebene „oxidative Stress“, die Abwehr aggressiver Sauerstoffe, verliert circa. ab dem 30. Lebensjahr an Kraft, die Schutz- und Reparaturprozesse der angegriffenen Zelle lassen in ihrer Wirkung nach. Kurz zu erwähnen sind auch das Hayflick-Phänomen und die Apoptose, aus denen weitere Theorien des Alterns hervorgegangen sind. Das Hayflick-Phänomen geht von einem genetischen Programm aus, welches die Zellteilung nach etwa 50 Teilungen stoppt. Das Phänomen der Apoptose ist ein Programm der Selbstzerstörung innerhalb der Zelle selbst.
Die potentielle Lebensspanne ist also ein genetisch kontrollierter Aspekt wie Körpergröße, Geschlecht und Augenfarbe; die Geheimnisse des Alterns und seiner Abwehr liegen vor allem in den Genen.
Wozu aber gibt es das Altern überhaupt? Evolutionsbiologen bestimmten Sterblichkeit keineswegs als notwendige Konsequenz unserer biologischen Systeme sondern als reines Nebenprodukt der Evolution, ja sogar als evolutiv sinnlos. „Altern ist für die Anpassung und evolutionäre Tauglichkeit etwa so wichtig wie Brustwarzen bei Männern, “ stellt der Altersforscher David Gems fest. Dazu auch der Bioethiker Arthur Caplan: “Altern existiert als eine Konsequenz eines Mangels an Vorhersicht: Es ist schlicht ein Nebenprodukt selektiver Kräfte, die darauf hinwirken, die Chancen für den Fortpflanzungserfolg zu erhöhen.” Eine andere Theorie versteht Altern als eine genetische Mutation, die jenseits der Reichweite des natürlichen Selektionsprozesses liegt, als eine immer tödlich verlaufende Erbkrankheit, gegen die die Selektion nichts auszurichten vermag. Wozu aber leben wir, wenn der Selektionsprozess abgeschlossen ist, noch weiter? Man könnte doch daraus schließen, dass wir eben circa 40 Jahre unseres Lebens nichts zu Fortpflanzung, Aufzucht oder Erhaltung der Art beitragen. Eine weitere Theorie versucht hier eine Erklärung zu liefern: Unsere Großmütter hätten über die Jahrtausende derart großen Einfluss auf das Überleben des Nachwuchses gehabt, dass wir deshalb evolutiv so alt werden können. Sind die Enkel alt genug, stirbt die Großmutter. Weiters ist die allgemeine Bedrohung von außen durch Feinde, Krankheiten etc. für viele der heute lebenden Menschen so gering geworden, dass sich, auch durch die Verbesserung der medizinischen und Nahrungsmittelversorgung, ein längeres Leben eingestellt hat.
In einem gewissen Gegensatz zur Genetik begründet man das Altern und Sterben physiologisch als Anhäufung zufällig bedingter Schäden zellulärer und molekularer Strukturen, die aufgrund evolutionärer Kapazitäten wie die des Immunsystems als auch anderer lebenserhaltenden Systeme immer weniger im Stande sind, diese Degenerationen abzuwehren. Die Forschung geht derzeit also weniger von einer genetischen Steuerung der Sterblichkeit aus, als vielmehr von einem komplexen, stochastischen Zusammenspiel zellulärer Degenerationen, die schlussendlich immer zum Tod führen.
Warum sollten wir aber überhaupt, so könnte man im Anschluss daran fragen, weiter nach den Ursachen vieler Krankheiten suchen, wenn die Mehrheit von ihnen durch nichts anderes als durch den Alterungsprozess hervorgerufen wird? Vor allem fortschreitendes Altern ist der einflussreichste Faktor bei der Entwicklung von Karzinomen, Degenerationen und Kreislauferkrankungen, die häufig tödlich enden. Wenn Altern und Sterblichkeit gerade diese biologische Verwandtschaft zu Krankheiten wie Krebs aufweisen, dann würde doch daraus geradezu das Gebot resultieren, Sterblichkeit überhaupt zu bekämpfen. Noch weiter geht der Bioethiker John Harris. Er beschreibt Lebensverlängerung und sogar „virtuelle Unsterblichkeit“ als Lebensrettung und daher als moralisch dringend geboten.
Doch kann eine Lebensverlängerung nur dann von Vorteil sein, wenn einige negative Konsequenzen der bereits ermöglichten Lebensverlängerungen, etwa die Zunahme von Degenerationen, verhindert werden würde. Die Wahrscheinlichkeit, an Demenzen zu erkranken, nimmt ab einem Alter von 70 Jahren um 50 Prozent zu. Durch ein erfolgreiches Enhancement blieben ältere Menschen weit jenseits der 70 kognitiv leistungs- und arbeitsfähig und sogar zur Fortpflanzung im Stande. Eine mögliche positive Folge davon könnte zum einen in der Minderung des Nachwuchsproblems in überalterten Gesellschaften und zum anderen in der Verringerung der Kosten für die zunehmende Zahl an Rentenbeziehern und deren Unterbringung und Pflege gesehen werden. Es gäbe keinen festen Verrentungszeitpunkt mehr, der vielmehr von der jeweiligen Gesundheit und Motivation, sich zu enhancen, abhinge. Auch gäbe es mehr Zeit, sich verschiedenen Wünschen und Interessen hinzugeben, wie etwa die Philosophin Christine Overall glaubt: “Viele Menschen, vielleicht die große Mehrheit, haben niemals die Chance, all ihre Potenziale als physische, emotionale, moralische und intellektuelle Wesen zu entfalten und auszudrücken. Ein verlängertes Leben würde zumindest einige dieser verpassten Chancen bieten.”
Was aber wären die möglichen negativen Folgen einer Gesellschaft mit einem sehr hohen Anteil an älteren Menschen? Wäre Innovationsfeindlichkeit und Konservativismus zu befürchten? Würden jüngere Menschen, die in den reicheren Ländern immer weniger würden, sich mit ihren Interessen nicht mehr durchsetzen können? Und wäre ein Großteil der Erdbevölkerung angesichts einer sowieso schon global auseinander klaffenden Lebenserwartung nicht weiterhin zum „normalen Sterben“ verdammt? Eine mögliche Konsequenz aus verlängerten Leidensphasen oder der Verschlechterung der Lebensqualität durch Lebensverlängerungsenhancements wäre es, wenn es z.B. zu einer extremen Verstärkung gesellschaftlicher Trends wie der Überidealisierung von Jugendlichkeit käme. Nicht weniger absurd erscheint es aber auch, die Entwicklung hin zu lebensverlängerndem Enhancement etwa durch Festlegung eines Maximalalters zu regulieren. Wenn es wesentlich mehr alte Menschen gäbe, so argumentiert John Harris, müsste man den Nachwuchs eindämmen. Anti-Aging-Strategien seien aber nur dann möglich, wenn auch Fortpflanzung weiter möglich ist. Es würde allein das Wissen darum, bald sterben zu müssen, obwohl es aus “natürlichen” Gründen noch nicht nötig wäre, bei vielen Menschen extremen Widerstand provozieren. Zu sterben, ohne sterben zu “müssen”, wäre unvorstellbar. Und wie wäre ein „enhanceter“ Tod überhaupt vorstellbar? Wäre es ein plötzlicher Tod, ohne Ankündigung und Zeit sich auf ihn vorzubereiten, dafür aber einer, der schmerzfrei eintritt?
Um größere soziale Ungleichheit zu verhindern, erschiene es wichtig, den Zugang zu den Verbesserungen für möglichst viele Menschen zu ermöglichen. Der Zugang könnte also zu einem allgemeinen Menschenrecht gemacht werden. Wenn nun der Tod aber etwas ist, das wir nie endgültig überwinden werden können, dann erscheint das Problem einer beliebigen Verlängerung als weniger entscheidend als die Frage nach den Bedingungen eines gelingenden, glücklichen Lebens. Denn vielleicht ermöglicht ein längeres Leben auch, mehr Glück zu erfahren. Wir verbinden eine gewisse Dauer des Lebens mit der Vorstellung von einer gerechten Chance, gewisse Dinge erlebt zu haben. Andererseits jedoch erscheint der Gedanke absurd, das Glück des Lebens hinge vor allem von seiner Dauer ab. Und ebenso wenig würde ein unglückliches Leben allein schon durch seine Verlängerung verbessert. Es könnte unter psychologischen Gesichtspunkten gerade klug sein, das Ende sich selbst zu überlassen, das heißt, den Tod „schicksalshaft“ oder „natürlich“ zu belassen. Jedes realhistorische Durchschnittsalter hat immer schon – selbst bei einem Durchschnittsalter von nur 50 Jahren vor 200 Jahren – ein Verständnis von gelungenem Lebens ermöglicht, unabhängig davon, wie hoch es in Lebensjahren tatsächlich ausgefallen sein mag. Die Frage, was glückliches Leben sei, würde daher aller Voraussicht nach durch Lebenszeitverlängerung ebenso wenig beantwortet und schon gar nicht gelöst werden.
Vielmehr könnte eine weitere, negative Konsequenz extremer Lebensverlängerung in der unendlichen Langeweile und Apathie bestehen, die uns beschleichen würde, wären wir z.B. im Stande, alles stets hinausschieben. Die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen und Dinge zu tun, stammt sicherlich auch aus einem existentiellen Druck und einer Art von Verständnis der Begrenztheit des Lebens. Fiele dies weg, könnten wir alles rückgängig machen, nichts wäre mehr bedeutsam. Für viele Menschen könnte es auch schwer sein, einen Tod zu akzeptieren, dem nicht eine Zeit der Krankheit oder der Gebrechlichkeit vorausgeht. Es sind besonders diese Krisen, die zur Frustration und Erbitterung führen, für die der (absehbare!) Tod ein willkommenes Ende der Qualen bedeuten kann.
Ein weiterer, philosophisch interessanter Aspekt in Bezug auf die Diskussion um die technologisch ermöglichte Lebensverlängerung betrifft die Frage nach unseren Lebensentwürfen, unseren Zielen, in deren Rahmen viele Handlungen erst Sinn und Bedeutung bekommen. Wären die meisten von uns im Stande mit mehr Lebenszeit umzugehen, Veränderungen zu bewältigen, sie in ihre Konzepte des Lebens zu integrieren? Im Laufe der Ontogenese hat sich sowohl die Lebensdauer erheblich verlängert, als auch die Ausgestaltung des Lebens immer weiter ausdifferenziert, so dass auch nach einer durch Enhancement ermöglichten Verlängerung des Lebens eine weitere Anreicherung des Lebens mit Aufgaben und Interessen vorstellbar ist. Ganz wesentlich erscheint dabei die Vorstellung, bestimmte Ziele auch erreichen zu können. Wenn das möglich ist, ist eine beliebige Anzahl an Entwicklungsetappen denkbar. Aus einer anderen Perspektive stellt sich aber die Frage, ob die der menschlichen Existenz innewohnende Zufallsanfälligkeit oder Unbeeinflussbarkeit  einiger Ereignisse mit diesen Anwendungen des Enhancements weiter abgemildert werden kann und werden soll. Oder geht mit dem Enhancement aufgrund der rationalisierten Planung und Strukturierung des Lebens eine Entwicklung zu immer ähnlicheren Lebensentwürfen z.B. der Leistungsorientiertheit einher, die einer Vielfalt letztlich abträglich ist?
Auch in Bezug auf die Vorstellungen von Sterblichkeit stellen sich weitere Fragen wie z.B., was mit denjenigen geschieht, die ihr Leben als erfüllt und beendet empfinden oder es aufgegeben haben? Kann Leben auch zu einem Zwang werden, wenn es zu einer Pathologisierung von Lebensmüdigkeit kommt? Und würde nicht das Altern selbst, wie schon weiter oben angedeutet, bald als Krankheit verstanden werden, die es zu bekämpfen gilt? Einiges spricht dafür, dass die Sterblichkeit des Menschen zu einem medizinischen Gegenstand wird, sobald das Altern von einem unhintergehbaren Schicksal zu einem zu therapierenden Zustand wird. Entsteht nicht die Frage nach den Problemen des Alterns erst durch die gesellschaftliche Konstruktion des Alters als Krankheit? Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoller – entgegen dem Versprechen vieler Enhancements – die Probleme nicht als Probleme oder Wünsche des Einzelnen zu betrachten, sondern darin vielmehr eine Herausforderung für die Allgemeinheit zu sehen – in diesem Fall etwa, dieser Umdeutung des Todes entgegen zu wirken. Sicherlich wird sich dies als außerordentlich schwierig erweisen in einer Lebenswelt der Individualisierung und des Wettbewerbs. Häufig erscheinen die technischen Errungenschaften und darin implizierten Imperative bereits zu moralischen Imperativen geworden zu sein. Auf den Wandel moralischer Einstellungen kann hier natürlich nicht eingegangen werden.
Ein interessanter Beitrag wider die endlose Verlängerung des Lebens wird von Hans Jonas in „Das Prinzip Verantwortung“ formuliert: Jonas beschreibt dort die menschliche Sterblichkeit als Segen. Der einzelne würde durch ein wesentliches Verlängern seiner Lebenszeit den Bezug zu seiner konkreten Vergangenheit und damit zu seiner identitätsstiftenden Geschichte verlieren oder aber derart stark in seiner Geschichte leben, dass er sich keine Gegenwart schaffen könne. Ähnlich argumentiert der kanadische Philosoph Walter Glannon: Durch eine extreme Lebensverlängerung bestehe die Gefahr, dass mentale Zustände, zwischen denen 200 Jahre liegen könnten, zu schwach verknüpft werden, um von einer Person auf sich selbst bezogen werden zu können. Daraus wiederum könnte keine notwendige Sorge für die jeweils eigene Zukunft erwachsen und somit letztlich die Bildung einer Identität verhindert werden.

Medikamente der Zukunft

08.06.16
4 min
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Angenommen, ich würde Ihnen ein Medikament anbieten, eine Tablette, die Sie täglich für zwei, drei Monate einnehmen müssten, und verspräche Ihnen, dass ihre Aufmerksamkeit bzw. Leistungsfähigkeit in der Vorbereitung auf eine große Prüfung oder in Bezug auf ihre tägliche Arbeit um ein Vielfaches zunähme. Ihre Gedanken würden nicht immerzu abschweifen, Sie würden nicht müde und überdrüssig werden, sondern hoch konzentriert für zehn Stunden arbeiten können. Ihnen fiele gar nicht auf, wie schnell die Zeit vergeht. Die Arbeit würde Ihnen ganz leicht fallen, Ihre Merk- und Aufnahmefähigkeit wären enorm. Bald würden Sie aufsteigen, ein höheres Gehalt bekommen, vermutlich richtig Karriere machen. Ihr Selbstwertgefühl würde erheblich gestärkt, das Medikament Ihnen ihre vielleicht vorhandene Unsicherheit und Nervosität in einigen Dingen nehmen! Würden Sie die Einnahme dieses Mittel nicht auch in Betracht ziehen? Viele täten es, wie Umfragen zeigen. Der Druck auf Sie, es auch zu tun, würde stark steigen. Die pharmakologische Forschung einiger Biotechnologie-Unternehmen jedenfalls hat sich ganz dieser Aufgabe verschrieben: Das Kurzzeitgedächtnis viel stärker an das Langzeitgedächtnis zu koppeln, also viel mehr viel länger zu erinnern.
Oder, warten Sie, es gäbe Nebenwirkungen. Die emotionale Bewertung für Sie wichtiger Ereignisse und Erinnerungen würde allmählich geschwächt. Sie würden zunehmend die Erinnerung eben an sich selbst, als eine sich an Kontinuitäten erinnernde Person verlieren. An Dinge, die wesentlich dazu beitragen, dass Sie sich an sich selbst erinnern, weil Sie das Gefühl haben, dass das Erinnerte eben mit Ihnen zutun hat, Ihnen passiert ist, sich auf Sie bezieht, Sie darauf Einfluss gehabt haben, was und wie etwas geschehen ist. Vielleicht würde Ihr gewaltiges Erinnerungsvermögen auch nicht mehr selektieren können, Sie würden schier verrückt werden, weil Sie sich an viel zu viel erinnern könnten. Ihr Interesse an anderen, an Ihren Freunden, Ihrer Familie würde allmählich abnehmen. Sie säßen am liebsten alleine vor einem Bildschirm, um zu arbeiten. Es wäre für Sie irgendwie eigenartig, auf andere Menschen zu treffen, befremdlich. Oder Sie würden sich langweilen. Andere kämen Ihnen gehemmt und dumm vor, bräuchten zu lange, um etwas für Sie Informatives zu sagen. Sie wüssten nichts anzufangen mit den Erwartungen und Gefühlen anderer. All das könnte dazu führen, dass Sie sich zunehmend eben als nicht echt, nicht authentisch, sondern entfremdet fühlen würden. Kurz: Alles, was Ihre Gefühlen beträfe, würde Sie zunehmends verunsichern.
Also, haben Sie sich entschieden, nehmen Sie die Tablette?
Natürlich sind die beschriebenen, möglichen Nebenwirkungen extrem und nicht zwingend. Auch könnte es ja sein, dass im Lauf der Zeit, bis wir die Gelegenheit bekommen, solche Medikamente einzunehmen, der Wert, was es heißt, ein Individuum zu sein, nicht mehr so hoch angesehen ist wie heute. Dann machten Ihnen die beschriebenen Nachteile der Einnahme der Medikamente vielleicht auch nicht mehr so viel aus. Verstehen Sie, es tun dann viele, und vielen ergeht es dann so. Man würde ja verstehen, wenn Sie sich nicht gleich am Gehirn operieren lassen würden. Zum Beispiel die Implantierung eines chip brain maschine interfaces. ( Ganz zu schweigen davon, was im genetic engineering oder der synthetischen Biologie z.B. der Züchtung künstlicher Gehirnteile möglich sein könnte!) Aber die Medikamente klingen doch recht vielversprechend, oder? Oder muss der Druck zur Optimierung auf Sie noch wesentlich steigen? Natürlich wird es zu all dem, wenn überhaupt, erst in 20 oder 50 Jahren kommen, aber der Druck zu mehr Leistung und das Bedürfnis hin zu solchen Optimierungen ist doch gut spürbar? Sie sagen jetzt vielleicht, dass es solche Medikamente bereits gibt. Sie haben recht. Ritalin oder Modafinil zum Beispiel, Medikamente die z.B. bei ADHS eingesetzt werden, leider aber weniger bei Gesunden wirken und nichts sind gegen das, was vielleicht einmal möglich sein wird.

Glücksfall

16.11.15
1 min
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Sein warmer, klagender Gesang stieg auf, breitete sich aus, wogte aus der menschenleeren Gasse der beiden grauen und klotzigen Kaufhäuser zwischen die er sich, gegen eines scheu gelehnt, gestellt hatte und legte sich auf die nebelige und herbstkalte Einkaufsstrasse auf der früh morgens die ersten Menschen noch schlaftrunken aber eilig vorbeizogen. Als dieser Klang den Körper erreicht hatte, schwoll ein süss- dumpfer Schmerz, stach dann in die Lunge, der Atem blieb stehen, augenblicklich süchtig geworden wandte der Leib sich betäubt, aus sich heraus tretend der Musik zu, tappte betört, langsam und magisch hingezogen auf sie, so wie sie aus diesem Mann und seinem Akkordeon quoll, zu. Wie ein Hall, ein Rückschlag, schlug die Musik vom Gesicht als Druckwelle kommend gegen die hintere, innere Schädeldecke und drückte bei ihrem Weg nach vorne zurück säuerlich rieselnde Tränen durch das Gehirn, durch die Augen wieder hinaus. Ein Abschiedslied, dieser gewaltige Klang an die ferne, unmögliche Heimat in dieser kalten und einsamen Gasse und Stadt. Langsam schlichen sich neugierig ein paar ältere Männer an ihn heran, schüchtern, hin zu seinem heilenden, versöhnlichen Gesang.

Ein Sylter Schicksal im Spätsommer

Gabriel Loebell Herberstein about the hateful wealth and boredom of this Super Spießer Island
07.10.15
2 min
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Ganz klar ein Männchen: Rote Cordhose, grüne Steppjacke, gelbes Hemd, ein strenger, lächerlicher Scheitel. Ganz klar ein Weibchen: Pinke Cordhose, rote Steppjacke, weiße Bluse, Perlenohrringe, Schühchen mit vergoldeter Plastikbrosche. Ganz klar der Junior: Blaue Cordhose, roter Cashmere-Cardigan, grünes Hemd, ein Polo-Golf-Cappy. Ein glänzender, gestriegelter Labrador, ein glänzender, gestriegelter Rhodesian Ridgeback.
Da sitzen unsere Drei, rauchend, süffelnd, lästernd und echauffierend in einem wohlstandsdeutschen Snob-Strandkörbchen unter zig anderen des gleichen Edelspießer-Schlags im Fischfastfood Gosch Sylt, der zehn nicht heimische Fischsorten im gleichen, billigen Buttersud zerbrät und in fünferlei Mayonnaise ertränkt.
Sie scheinen einfach zu warten, bis das Leben vorbei ist, und richten ganz nebenbei unendlichen oder gar keinen Schaden an. Man weiß es einfach nicht, ob sie die feigsten und größten Uniform-Konsumaggressoren oder schlicht harmlose Tunichtgute sind. Sie haben sich, weil Meer irgendwie chic ist und hier soviele andere abschätzig glotzende ehemalige Rechtsanwälte, höhere Beamte und Zahnärzte-Schnösel aus Duisburg und Hannover lungern, in den äußersten Nordwesten verdrückt, und bilden hier einen der gruseligsten Pseudo-Elite-Rückzugsorte weltweit.
Die einzige, die ganze Insel verbindende Straße ist voller Rentner-Mittelklasse-Limousinen, die alle im gleichen Tempo und wie computergesteuert und durch eine andere Planeten-Landschaft aus gelben Dünen und braun-beige-schwarzen Hügel-Steppen dahinschleichen.
Wie auf einem großen Teich, auf dem hunderte Stockentenpaare ziellos umherkreisen, schlendern unsere reichen Schöne-heile-Welt-Pensionisten um die Edelboutiquen in Reetdach-Häusern. Ein simpler Gleichklang von bedauernswertem Glück und Routine.
Blaugrau donnert der Himmel mit der Wucht der Erdumdrehung vom unendlichen Meer kommend über das hohe und feste, vom Wind gebogene Gras, hinein in die harten, schwarzen Dornen, die rotglühende Beeren tragen, durch die Moose und Gewächse, die sich tief geduckt wie ein dichtes Netz im Boden verbeißen.

Ein Schmankerl aus Übermorgen

Gabriel Loebell Herberstein about Flucht. Nur eben hier raus!
07.10.15
1 min
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Ein kleines Schmankerl aus Übermorgen:

In 50 oder 100 Jahren packen unsere Enkel die Sachen um nach Syrien, in die Ukraine, in den Iran, nach Russland zu ziehen. Heute noch haben wir Angst und ekeln uns vor diesen Ländern, begaffen sie nervös und hilflos, warten ungeduldig auf deren Erlösung. Aber dann wird dort das leichte, quellende, blühende Leben stattfinden.

Als Flüchtlinge werden unsere Enkel dorthin gehen um die mediterrane Küste Algeriens, die Weiten des Sudan und Malis zu besiedeln, um in den urban gardening Siedlungen Ägyptens und West -Chinas zu leben, um Teil sein dürfen der pulsierenden Party – und Kunstszene Islamabads, Kingshasas und Damaskus´, um Teil der quirligen, jungen Demokratien Somalias und Yemens sein zu können.

Die Mehrheit hat entschieden ins Internet zu ziehen und hat nichts dageben, dass Maschinen besser als sie selbst wissen was sie als nächstes tun werden, unseren Enkeln aber reichts, die wollen weg.

Schnatter Schnatter

07.10.15
8 min
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Ich hab mich an zwei junge Frauen herangeschlichen und dieses Gespräch belauscht:

Katja:

“Warum tun die ganzen Kunstfuzzies nicht etwas Vernünftigeres?”

Sarah:

“Ach lass diese Leute doch in Ruhe, es gibt Schlimmeres, wir müssen doch dankbar sein dass die nicht mit Waffen handeln oder so.”

Katja:

“Also Sarah, die Ungerechtigkeit spricht doch deutlicher als alles andere zu uns? 

Warum also gerade mit Kunst zutun haben?”

Sarah:

“Schau, es gibt so viel Geld da, viel Prestige in cooler, chiquer Szene, die waren ratlos was sie sonst machen wollen. Deren Persönlichtstendenzen sind eh eher hedonistisch, exzentrisch, die sind schillernd, disozial. Die Kunstszene ist ein einzige, hoffnungslose, frühpubertäre Resignation und Kapitulation, eine rein asoziale Gebärde. Und die Kunst selbst unterliegt einer völligen Überwertung innerhalb der Szene und das steht, so finde ich, in starkem Kontrast mit einer schwachen Rechtfertigung der Szene selbst, dessen was sie tut. Rechtfertigung findet vorallem durch den Markt nicht aber durch das was sie ist, statt. Das Misstrauen und Unverständnis von Aussen ist gross, hörst Du manchmal was die Leute die damit nichts zutun haben, egal wer,  darüber sagen?

Katja:

“Jetzt beruhige Dich mal wieder, Kunst gibt einem einfach viel, diese feine, bewegliche Denklinie, diese Brise, dieses stimmulierende Denkbare dabei, die Schönheit und die tollen Materialen, Farben, Formate, die Grösse, die Feinheiten der Herstellung oder denk doch nur daran wie viel Ersatz für diese frustrierende, veraltete Reliösität da drin steckt, man hat ein spirituelles, ein mysthisches Erlebnis mit Kunst oder zumindest etwas irgendwie ähnliches. Ich glaub einfach das das ein Ersatz für die rituellen Treffen, die Feste der Kirchen, der Religionen geworden ist, zu einer Eröffnung gehen oder sich damit irgendwie umgeben. Da kann man mit all den Leuten, dem Getue echt Sinn generieren. Und man muss mit denen garnicht reden, man kann einfach nur da sein, das Ereignis, das Spektakel passiert ganz von allein. Nichts muss man beitragen und trotzdem werde ich wahrgenommen, darf mittrinken, rumstehen, dazugehören. Nichts muss ich wissen über die Kunst, ganz wissens und -geschichtslos ist sie dann oft, ganz leicht konsumierbar, das ist doch herrlich?”

Sarah:

” Genau das alles finde ich ja gerade beschissen daran.

Alles was Du sagst, gilt ja für alle: Die Künstler, die Käufer, das Publikum, die Verkäufer, keiner weiss so richtig was er da eigentlich macht, wozu das Ganze, für wen? Niemand muss niemandem gegenüber etwas rechtfertigen. Aber das ist doch eigentlich wichtig wenn ich zeigen, sagen muss, warum ich etwas tue, wie es sich anfühlt. Rechtfertigungen müssen doch auch gegenüber möglichst Vielen funktionieren: das Leben der mir bekannten Künstler versteht sich meist als ein mögliches, asoziales Nischensein, das unsere Gemeinschaft zum Glück ermöglicht.

Der Künstler macht einfach irgendwas, seine Arbeit ist Ausdruck irgendeines individuellen Moments, er braucht ganz unbeirrt keine Verantwortung zu übernehmen, er stellt sich nur scheinbar zu Diskussion. Niemand muss das da, Verantwortung übernehmen. Eben ein kommunikationsloses Geflecht aus Geschäften, asozialer Gesten und narzistischem Getue. Warum müssen wir anderen bei deren Reifung oder Bewältigung zusehen? Kunst dient niemals dazu etwas zu erklären: So viele nutzen sie um für ihre wirren Gedanken eine Form zu finden.Wie kleine Kinder. Und das schlimmste für mich: das philosophisch ungenaue und überforderte Denken der Leute da.”

Katja:

“Du Sarah mir ist bei all dem viel wichtiger diese Erfahrung die ich dort in der Kunst am besten machen kann: Da entzieht sich mir immer was, ich gehe hin mit meinem Werkzeug aus dem Alltag, aus der Arbeit und das bringt mir da nichts. Irgendwie ist Kunst so unähnlich dem Menschen, so wie ich ihn kenne. Mir ist egal ob da reif und intelligent und achtsam miteinander gesprochen wird, das Asoziale, nein, ich fühle mich einfach und unabhängig von den Menschen dort hingezogen von etwas das sich mir zeigt ohne das ich persönlich gemeint bin, irgendwie jenseits dessen was ich so einfach fassen kann auch trotz seiner Komplexität”

Sarah:

” Gut dann ist Kunst nur gut gegen die Einsamkeit, man kann alleine mit ihr sein, sie macht was, das den anderen ersetzt, wie ein Hund. Man nimmt die Kunst dann braucht man keine Beziehung.”

Katja:

“Wo ich Dir recht gebe ist, das das ganze Kunst Ding schlussendlich einen sehr unentschlossenen, unsicheren Eindruck macht, deshalb sind die auch so arrogant. Das ganze Phänomen ist doch nichts weiter als der Ausdruck der Probleme, des Humors einer zutiefst spiessigen, eher ungebildeten Mittelklasse. Die sind doch total verklärt. Deine Probleme, meine Probleme, die Probleme, die Erlebnisse und Erfahrungen der Menschen die sind echt, wirklich, heftig, bedrohlich, langweilig, normal usw. aber das sind alles Dinge, die der Künstler in seiner Arbeit nicht versteht, darstellt. Er verklärt. Der Künstler bearbeitet eine bestimmte Perspektive, Frage, aber irgendwie finde ich es interessanter, diese Fragen sprachlich, wissenschaftlich zu perspektivieren. Ausserdem sind das doch nur ziemlich mittelmässige Ideen mit grossem Aufwand umgesetzt. Jede Realität, jeder Mord, jede US Comic Serie, Chopin oder Beethoven sind doch viel geiler als das allermeiste was einem da geboten wird.”

Sarah:

“Wir haben noch garnicht von der Rhetorik und den Diskursen der Galleristen, der Kuratoren und Kunstkritiker gesprochen, wie die über sich und die Kunst und so reden, naja doch, als wir über den Ausdruck dieser Leute gesprochen haben, also die Körperhaltung, die Blicke, die Motivation der Leute, die zivilisatorische Rolle der ganzen Geschichte. Warum sind also gerade in unserer geliebten Kunst, die Leute oft so arrogant und kalt und unreif? Man würde doch erwarten, dass gerade da, wo die Schönheit mit dem Geheimnis, dem Rätsel des lebendig -Seins usw. zusammenkommt, freundliche und offene und achtsame Menschen hervorgehen? Gerade durch das Zusammenwirken dieser Kunstszene- Menschen, müssten doch die sozialen Modelle entstehen die vorbildhaft für die Problemlösungen der Gegenwart sein könnten? Wer mit Kunst ist und mit anderen ist, die mit Kunst sind, wird doch ein besserer Mensch? Sind die Leute in der Kunst, in ihren Institutionen irgendwie anders zueinander, wirkt da die Kunst hinein? Ich weiss nicht. Es wirkt doch so, oder irren wir uns da, das da irgendwie das Können der Kunst verloren geht oder nicht zur Wirkung kommt? Und ist es schliesslich romantischer, naiver Blödsinn zu glauben, Kunst könne messbaren, fühlbaren, grossflächigen Einfluss auf das politische Geschehen haben, auf politische Entscheidungen, das man also sieht, ah schau, hier hat diese Ausstellung, diese Idee, diese Form unser Verhältnis zu unseren Freunden, zu ostukrainischen Kriminellen oder zu afrikanischen Flüchtlingen, deren Probleme und Not zu verstehen beeinflusst?”

Katja:

“Ach ich weiss nicht. Ich wünschte mir nur, die Unternehmen, die Wirtschaft wüsste wie man die vielen kreativen, nachdenklichen, zarten Seelen aus der Kunstszene für die Verantwortung die sie übernehmen könnten, begeistern könnte. Man böte ihnen Jobs an, die sie annehmen könnten. Für die ist doch sicher irgendwo Gebrauch?Vielleicht hat andererseits die Szene, die ein Bedürfnis hat, ihre Wirksamkeit stärker in der Politik zu spüren, Angst davor, durchsetzungstärkere Menschen einzustellen als diese Softies die so wahnsinnig schlau sind aber so einen verspannten Eindruck machen. Angst wahrscheinlich, dass diese über headhunter gefundenen Kulturmanager keinen Geschmack haben. Vielleicht müssen die Kunst Menschen auch nur noch viel genauer formulieren was sie wollen wenn sie von Politik sprechen, wenn sie darüber sprechen, wie sie in Bezug auf welches Thema, Einfluss nehmen wollen auf die Geschehnisse. Was sie von Bildung oder Erziehung unterscheidet?

Sarah:

“komm lass uns mal nicht weiterrumlabern, komm wir schauen uns mal diese Show von Meese an.

Meese Nummer wird angeschaut.

Katja:

“also das ist für mich die Freiheit der institutionalisierten, risikofreien Asozialität und Anarchie! Ich verstehe nicht, wie das alles übertragbar ist in meine Welt, sein Mut scheint nur zu beeindrucken, denn es ist dann doch nichts weiter als hemmungslos sein und das kann dann auch inhaltlich nur langweilen, ausserdem ist es weder lustig noch neu noch besonders intelligent, vielleicht ist es frei?”

Sarah:

“ja in seinem Rahmen ja, aber welcher ist da schon? was hinterlasst es bei einem: allemals Verstörtheit und Neid das der sich das traut, aber das lässt sich hinterfragen, ist es also schön was er macht, mein Gott nein nicht unbedingt, es ist konsequent aber das ist doch so auch irgendwie einfach, er ist auch nur einer, der seine Nische gefunden hat.”

Katja:

“Ich will noch ein bischen weiter gehen: Ist es revolutionär oder nur spektakulär, klingt gut oder? Kann man da was lernen, über die Freiheit oder über das Neue? Ist es absolute Form der Loslösung oder Verwirrspiel? Befreit es mich von den sog. bürgerlichen Ordnungen? Will er das überhaupt? Und dann ist mir aufgefallen, dass es vielleicht eher Musik als bildende Kunst ist. Eine Bedingung muss doch immer das Verstehbare sein, kann ich es für mich ganz allein zu etwas verwandeln, das Bedeutung bekommt, mich irgendwohin führt? Kann jenseits der Form mehr daraus enstehen? Oder ist es nur die zerstörte Form aus der es die Kraft schöpft? Ich check das hier nicht bzw. irgendwie glaube ich, hat der das nicht drauf.”

Sarah:

“Ich find das gut so: sein Sinn und Mut zur Sinnlosigkeit, das Ausleben des Künstlerklischees,  einfach weiter machen, es nicht abbrechen zu lassen, irgendeine legitimierte Infantilität und ihr Narzismus. Die Frage nach dem Geheimnis und der Subtilität muss nicht gestellt werden. Egal, komm wir zischen ab.”

GARAVITO

07.10.15
11 min
Post

Eine Reise in kolumbianische Verhältnisse –

Der Fall des Luis Alfredo Garavito

Ein Bericht mit Interview

Wenn es nach einem Rechtsurteil in Kolumbien ginge, wird in wenigen Jahren ein Massenmörder auf freien Fuß gesetzt. Dieser Mann, der unter der Bevölkerung Kolumbiens den Spitznamen “el monstruo” trägt, hat nachgewiesener Maßen zwischen den Jahren 1992 und 1999 über 220 minderjährige Jungen im Alter von 8-13 Jahren misshandelt, vergewaltigt und ermordet. Er ist damit einer der größten bekannten sexuell motivierten Massenmörder der Geschichte. Übertroffen wird er wahrscheinlich nur von seinem Landsmann Pedro Alonso Lopez der in den 70er Jahren vermutlich weit über 300 junge Mädchen ermordete. Lopez wurde 1980 zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt und nach nur 13 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. Er lebt seitdem in Freiheit und ist untergetaucht.

Wie es im Fall Garavitos zu dieser extrem hohen Zahl an Opfern kommen konnte, kann u.a. die instabile Situation Kolumbiens beitragen: Schon seit vielen Jahrzehnten existiert in einigen Teilen des Landes keine kontinuierliche rechtsstaatliche Ordnung. Die Macht über das Staatsgebiet Kolumbiens muss sich der Staat mit verschiedenen illegalen, bewaffneten Gruppen teilen. Darunter sind vor allem die durch die immer wieder missglückten Friedensverhandlungen mit dem Staat bekannter gewordene Guerillaorganisationen FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), die ELN (Ejercito de Liberacion Nacional), verschiedene Drogenkartelle sowie paramilitärische Gruppen wie die AUC (Autodefensas Unidas de Colombia).

Die Zahl der verschwundenen Kinder in Kolumbien ist hoch: Sie verlassen ihre zerrütteten Familien um in der Großstadt Arbeit zu finden oder werden gewaltsam von eben diesen bewaffneten Gruppen für deren Kampf rekrutiert.

Diese soziale Situation machte es Garavito leicht, unerkannt und ohne großes Aufsehen seine Verbrechen zu begehen. Er schlug sich als Gelegenheitsarbeiter und Straßenverkäufer durch, reiste umher und veränderte sein Äußeres häufig.

Einige Male lebte er unauffällig in nicht-sexuellen Beziehungen zu alleinerziehenden Müttern und übte seine Vaterrolle, wie später bekannt wurde, fürsorglich aus. Wenn er jedoch umher reiste, lockte Garavito seine Opfer mit Nahrung, Drogen oder Arbeit, bevor er sich an ihnen verging und sie daraufhin, oft alkoholisiert, ermordete. Nur eher zufällig wurde er 1999 festgenommen. Ein Passant hatte ihn bei einem Übergriff überrascht und den Vorfall gemeldet. Die Polizei leitete daraufhin eine Großfahndung ein und konnte ihn kurz darauf verhaften.

Schon nach kurzer Haftzeit kontaktierte Garavito,  mit der Hilfe seines Anwalts und des Gefängnispriesters das Parlament und die katholische Kirche. Es gelang ihm, hohen Würdenträgern der Kirche und Politikern glaubhaft zu machen, er werde sich nach seiner Haftzeit für Kinder in Kolumbien einsetzen. Außerdem sei er zum Christianismus, einer in Südamerika sehr verbreiteten und mächtigen religiösen Gemeinschaft, übergetreten. Gott habe ihm seine Taten verziehen.

Einen weiteren geschickten Versuch eine frühere Haftentlassung zu bewirken, unternahm Garavito, indem er sich als schizophren erkrankt darstellte. Er sei von satanischen Stimmen besessen, die ihm die Morde befohlen hätten. Er habe keine Wahl gehabt, als ihnen zu folgen. Auch leide er an Erektionsproblemen und sei auf dem Wege impotent zu werden, wodurch in Zukunft von ihm keine Gefahr ausginge.

Garavito hat in seiner bisherigen Haftzeit lediglich ein einziges Interview gegeben, das ihm bei der Verwirklichung seiner Ziels – die Haftentlassung – so sehr schadete, dass er bis zum heutigen Zeitpunkt keines mehr geben sollte. Dieses Interview gab er im Jahr 2006 dem kolumbianischen Fernsehjournalisten Guillermo Prieto Larrotta, der es in einer sehr erfolgreichen Sendung über Garavito zeigte. Prieto Larrotta hatte darin mehrere Experten wie Psychologen und Staatsanwälte unter anderem nach Garavitos Gefährlichkeit befragt. Sie hatten diese vehement bejaht und dadurch Garavitos Ruf ruiniert.

Dem Autor ist es jedoch durch großes Bemühen gegenüber der kolumbianischen Gefängnisbehörde und gegenüber Garavito gelungen, ein weiteres Interview zu führen. Es fand in einem Hochsicherheitsgefängnis einer kolumbianischen Kleinstadt statt. Die Reise führte in einer kleinen zweimotorigen Maschine vom Andenplateau Bogotas hinunter in die Hitze der Llanos, im Osten Kolumbiens gelegenen riesigen Grasssteppen. Die Landepiste war eine große Wiese inmitten ärmlicher Siedlungen auf der bis kurz vor der Landung noch Jugendliche Fußball spielten. Der Flughafen bestand aus einer alten Wellblechhalle. Irgendwo am Ende der Stadt lag dann dieser riesige, rostende fast ruinenhafte Bau des Gefängnisses. Hinter mehreren Gefängnistüren saß Garavito in einer eigens für ihn gebauten Einzelzelle. Etwas verwahrlost und wirr, matt und zugleich ziemilich angespannt wirkte er. Er hatte bereits einige Jahren vollkommen isoliert in diesem kargen Raum gefesselt zugebracht.

Im Folgenden ein Auszug aus dem Gespräch mit Garavito:

Gabriel Loebell: “Herr Garavito, wie stehen Sie heute nach einigen Jahren zu ihren Taten?“

Luis Alfredo Garavito: “ Ich kann nur sagen, dass das, was passiert ist, mir sehr leid tut, das ich gut verstehe, dass ich hier jetzt sitze, dass ich verstanden habe dass ich Unrecht getan habe, dass mir aber auch aus meiner neuen Beziehung zu Gott heraus verziehen wurde und dass ich bereit bin mich für misshandelte Kinder einzusetzen. Das will ich unbedingt tun! Ich bitte die Menschen um Verzeihung über die ich solches Leid gebracht habe, die Gesellschaft der ich das angetan habe. Auch möchte ich Priester werden, egal für welche Kirche. So scheint mir, darin liegt eine große Chance das Geschehene wieder gut zu machen. Ich will alles wieder gut machen. Aber wissen Sie, was geschehen ist, ist geschehen, ich kann es auch nicht mehr rückgängig machen! Ich habe nun genug Zeit im Gefängnis verbracht um über meine Verbrechen nachzudenken und verdiene jetzt wieder freigelassen zu werden“.

G.L.: „Wie fühlen Sie sich hier, unter welchen Bedingungen leben Sie?“

L.A.G.: „Ich bin hier sehr einsam, wurde total isoliert weil ich ständig Morddrohungen bekomme. Man hat Angst mir könnten Mithäftlinge etwas antun, ich werde es hier nicht mehr sehr lange aushalten, wissen Sie, ich habe schon mehrmals versucht mir das Leben zu nehmen. Mein Zustand ist wirklich furchtbar. Ich werde häufig auf einen Stuhl fixiert um mich daran zu hindern mir wieder etwas anzutun.“

G.L.: „ Aus den Medien konnte man erfahren dass Sie wesentlich an der Aufklärung der Taten mitgewirkt haben?“

L.A.G.: „Ja mir lag sehr viel daran mitzuhelfen. Diese Verbrechen mussten aufgeklärt werden. Sehr geholfen dabei hat, dass ich mir die Mehrheit der Tatorte gut merken konnte, sie also den Ermittlern zeigen bzw. beschreiben konnte.

Nach Garavitos Inhaftierung war auch ein psychiatrisches Gutachten erstellt worden. In ihm wurde die volle Schuldfähigkeit festgestellt.

Trotz des den schwer gestörten Garavito für schuldeinsichtig erklärenden Gutachtens, lassen sich einige auf ihn zutreffende psychiatrische Diagnosen charakterisieren:

Offensichtlich ist Garavito wegen seiner minderjährigen Opfer pädophil. Auch spricht einiges für eine antisoziale Persönlichkeitsstörung und eine ausgeprägten Sadismus.

Unter „Pädophilie“ wird ein emotionales und nicht immer ausschließlich sexuelles Hingezogenfühlen Erwachsener zu Minderjährigen verstanden. Pädophile leben ihre Sexualität trotz dieser zumeist als quälend empfundenen Impulse häufig nicht aus, weil sie von der moralischen und strafrechtlichen Sanktionierung ihrer Bedürfnisse wissen. Nur langsam tastet sich mancher an ein Kind heran, beobachtet es, bis in einigen Fällen seine Frustrationstoleranz schwindet und er, wie Garavito etwa, die Entführung eines Kindes plant. Wenige Pädophile werden aggressiv oder befriedigen ihre Bedürfnisse mit tatsächlichen sexuellen Handlungen. Sie suchen die Nähe zu Kindern, versuchen Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Meist geschieht dies manipulativ und die eigentlichen Motive verschleiernd. Zu brutalen Übergriffen wie im beschriebenen Fall kommt es nur selten und dann nur in Kombination mit anderen psychischen Störungen.

Was aber ist unter einer antisozialen Persönlichkeitsstörung oder auch Psychopathie zu verstehen?

Das Fehlen von Mitgefühl in Bezug auf die Empfindungen Anderer, das Missachten sozialer Regeln, das Fehlen jeglicher Angst als auch ein schwaches Selbstwertgefühl sind häufige Eigenschaften solcher Persönlichkeiten. Dieses schwache Selbstbewusstsein versuchte Garavito durch besonders machtbetontes, grausames Verhalten gegen Andere, auszugleichen. Zentral bei psychopathischen Menschen ist auch die Unfähigkeit für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen und stattdessen Andere dafür verantwortlich zu machen. Im Falle Garavitos könnten das die erfundenen Halluzinationen des Teufels sein, der ihn zu den Morden aufgefordert haben soll. Ein weiteres Beispiel wären auch seine andauernden Rechtfertigungen und Entschuldigungen, die durch die Misshandlungen an ihm selbst zustande gekommen seien.

Hinzu kommt noch starke Impulsivität, also eine häufig niedrige Schwelle für aggressives, gewalttätiges Verhalten. Wichtig bei dieser Art extremer Menschen ist auch eine Tendenz zur ständigen Manipulation Anderer. Antisoziale Persönlichkeiten machen von ihr ob ihrer meist überdurchschnittlichen Intelligenz oft Gebrauch. Ein Beispiel hierfür könnte Garavitos Fähigkeit sein, nicht nur Kinder zu überreden sondern auch Politiker und Geistliche von seiner Wandlung zu überzeugen.

Seine im Gespräch deutlich gewordene Angewohnheit, sein Gegenüber nicht zu Wort kommen zu lassen, ließe sich als sein Bedürfnis verstehen, Kontrolle über dieses auszuüben. Garavito versuchte durchgehend angsterfüllte Themen zu vermeiden. Auch schien er verhindern zu wollen, bei seiner manipulativen Strategie entlarvt zu werden. Er unterbrach seinen Redelauf, war plötzlich unkonzentriert, im nächsten Moment wieder unangenehm aufdringlich, nur oberflächlich interessiert, aufgesetzt charmant und darüber hinaus häufig gehetzt. Am auffälligsten aber war wohl die Routine und Selbstverständlichkeit, mit der er bereit war, über seine Verbrechen zu sprechen. Er mordete und setzte sich danach hin, um Mittag zu essen. Er schien seine Taten nicht nachvollziehen zu können, seine Empathie für das Empfinden Anderer fehlte vollkommen. All die von ihm immer wieder gezeigte Reue wirkte wie ein vorgefertigter Text, den er bei jeder Gelegenheit wiederholte. Es existierte keinerlei Reflektion über das Geschehene, was bei einem derart gestörten Menschen ohne langjährige Therapie ohnehin kaum vorstellbar ist. Niemals wäre auf den ersten Blick vorstellbar, dass hinter dieser flapsigen und wirren Kälte ein skrupellos kalkulierender Lustmörder steckt, der seine Opfer brutal fesselte, vergewaltigte, folterte, ihnen Gliedmassen abtrennte und die Kehle mit einem Messer durchschnitt.

Von Fachleuten wird angenommen, dass zur Entwicklung des Sadismus wesentlich die Unfähigkeit beiträgt, sexuelle Beziehungen zwischen der Pubertät und dem Alter von ca. 24 Jahren entwickeln zu können. Unter diesen Umständen können sich Phantasien von Sexualität mit denen von Aggression und Frustrationen mischen. Der Wunsch nach Machtausübung, Rache und Dominanz wächst. Diese Reaktionen können nun mit dem psychologischen und körperlichen Leid der Opfer in Beziehung treten. Der Täter gewinnt an Selbstwert und erfährt Lustgewinn durch das Leid seines Opfers.

Aber wie ging es denn nun weiter?

Auch wenn seitens der Staatsanwaltschaft schon Initiativen angelaufen sind, zu  verhindern was bereits mit Pedro Alonso Lopez geschehen war, muss auch Garavito von den ursprünglich verhängten 40 Jahren Haft vermutlich nur 15 absitzen. Das würde heißen, dass er schon bald wieder frei käme.

Wie aber konnte es dazu kommen? Hier spielt die Tatsache eine Rolle, dass die Verurteilung Garavitos nicht durch einen Gerichtsprozess zustande kam, sondern durch die in Kolumbien bestehende Möglichkeit, wenn es die Beweislast zulässt, Personen außergerichtlich zu verurteilen.

Zu einer derartig kurzen Haftzeit kam es darüber hinaus, weil es gemäß des kolumbianischen Strafgesetzes nicht wie in den USA zu einer Addition der Haftzeiten durch mehrere begangene Straftaten kommen kann. Verurteilt werden kann man also für die jeweilig höchste Straftat, in Garavitos Fall zu Mord nur ein einziges Mal. Garavito ist somit wegen Mordes verurteilt worden, gleichgültig ob es sich um Mord oder wie in diesem Fall um Massenmord handelt. Außerdem kommen haftverkürzend seine gute Führung und seine Bereitschaft zur Mitarbeit an der Aufklärung der Morde hinzu. Garavito erinnerte sich in der Mehrheit der Fälle genau an Hergang der Morde, Tatorte und Verbleib der Leichenteile. 

In Kolumbien wird nun heiß diskutiert wie zu verhindern ist, dass Garavito frühzeitig aus der Haft entlassen werden muss. Wichtig erscheint jedenfalls, dass er einen richtigen Prozess bekommt, daran gehindert wird suizidale Handlungen auszuführen und dass er vor fremder Gewalteinwirkung geschützt wird. Offensichtlich ist auch, dass er in Haft bleiben muss, da von ihm in Freiheit weiterhin erhebliche Gefahr ausgeht. Darüber hinaus steht ihm das Recht auf faire Haftbedingungen zu, als auch zu einer Therapie, zur professionell geführten Auseinandersetzung mit seinen Taten.

LA 2

Gabriel Loebell Herberstein about the subtle terror of civilisation
07.10.15
2 min
Post

Wer auch immer in dieses Land kommt, wird seine Eigenart nicht behalten dürfen, wird sie auf eine trickreiche, meist unbemerkte Art verlieren. Er wird einer perfekt vereinheitlichten Variabilität, also genau definierter Beweglichkeit, einem schleichenden Terror der Zivilisierung, einem Zwang zur Vergemeinschaftung, aber aus Überzeugung zur Freiwilligkeit, sanft unterworfen werden, in deren Raum er sich ab jetzt zu bewegen hat. So ist Gespräch Werkzeug, ein Zugreifen auf genau verfügbar Gemachtes, zugeschnitten auf den immer gleichen Verlauf, mit den immer gleichen Zeichen. Eine Form des Umgangs, des Sprechens unmittelbar unterhalb der Oberfläche. Vermutlich besteht das gesamte Repertoire an Vermittelbarem aus nicht mehr als 100 Zeichen und drei weiblichen und fünf männlichen Stimmen, Stimmmelodien, einem jeweils dazu gehörigen Quietschen, Grunzen, Lachen und Gurgeln. Ein zwanghafter, kollektiver Drang zur flachen Expression: “…you know, it’s kind of like… you know what I’m saying…?” Ein das Fremde imprägnierendes Misstrauen und Heucheln, ein routiniertes, automatisiertes Verfahren des Fragens, der detektierende  Blick. Der Andere existiert nur, weil er unmittelbar als fast identisch wiedererkannt werden kann und muss. Ein schillerndes Beispiel ist Los Angeles, ein Sammelbecken von ehemaligen Psychotikern, Anarchisten, Hippies, Extremisten, Sektierern und Synkretisten. Sie vegetieren in einer Blase von Reibungslosigkeit, betäubt und gelähmt von sozialer Restriktion und Sanktion, Zombiehafte Kreaturen, die sich von irgendwelchen Gemüsebrühen, dicken Frucht-Getreide-Schlacken und milchigen Schaumplörren durchspülen lassen. Hinter all dem wacht und lauert ein fauliges, gigantisches Staatsgebilde, bedrohlich und unberechenbar.

Los Angeles

Gabriel Loebell Herberstein about being down and out Downtown
07.10.15
6 min
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Mit einen Kanister Wasser und meinem Pass fahre ich zur 5. Ecke San Pedro. Auf Zeitungen, Kartons, alten Matratzen oder mitten auf dem Trottoire liegen Menschen. Eine in ihrem Erbrochenen. Viele humpeln, trotten, schlurfen, magisch roboterhaft gesteuert, irren sie wie Zombies durch die fast leeren Straßen, ziehen Einkaufswägen voller prall gefüllter Plastiksäcke hinter sich her. Sie jammern, brabbeln. Sie zucken oder heulen laut, sitzen katatonisch herum oder schreien sich gegenseitig über die Straße hinüber an. Ihre lumpige Kleidung ist verdreckt und steif von Blut und Urin und Essensresten und Straßendreck. Auch auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht klebt brauner, schwarzer Rand, und die Haare baumeln einigen als dicke Zotten vom Kopf. Sie verdrehen ihre Augen, haben sie weit aufgerissen.

Ich denke, was wenn ich hier bleibe, wenn diese zwei Nächte und Tage, die ich unter diesen Menschen bleiben will, nur die ersten von hunderten und tausenden Nächten und Tagen unter Brücken, in nassen Betonritzen, unter dem über mich hinweg donnernden Verkehr sein würden, im Dreck der Straßen und Geschäftseingänge, die Schmerzen durch den Schlaf auf dem Beton, ausgesetzt der Helligkeit und Hitze, der Sonne, der Willkür von Polizei und dem Elend der Anderen, der Folter ewiger Müdigkeit, Langeweile und Hungers.

Ich gehe los, in diesen Tag hinein, vielleicht vier Stunden. Ich werde sehr bald sehr müde, ich suche was, wo ich etwas schlafen kann. Es ist brütend heiß, in kürzester Zeit bin ich ausgetrocknet, bald stoße ich auf einen kleinen Park, in dem schon einige andere liegen. Finde einen schattigen Platz unter einer Palme. Schlafe ein, wache schwitzend wieder auf, ich stinke nach Schweiss, ich laufe weiter. Ich setze mich auf eine Bank, sehe tausende Autos an mir vorbeifahren. Wenn ich sitze, fläze ich mich hin wie sie und ich atme leicht, und die riesige Straße ist ein Klang eingehüllt in Wüste und Staub.

Es wird dunkel, und ich bekomme Angst. Ich muss einen Schlafplatz finden, mich irgendwie geschützt fühlen, nicht frieren, nicht überfallen werden. Ich treffe auf immer mehr Obdachlose. Zuerst setze ich mich auf den Boden, an eine Wand gelehnt, werde beglotzt und angepöbelt. Ein Typ wankt auf mich zu, Hector aus Mexico, sagt er irgendwann, nachdem er mich anfaucht, was ich hier will. Er sagt mir, dass er hier seit 13 Jahren lebt, dass er aus einer Psychiatrie von einem auf den anderen Tag von Reagan oder Bush oder so entlassen wurde. Es ginge hier den meisten so. Er braucht lang, um das zu erzählen, weil er so ein gedrängtes, zerfahrenes Denken voller Wahneinfälle hat, so viel Unverständliches laut herunterbetet. Er stinkt schrecklich aus seinem Mund, und das Gefuchtel weht den Geruch fauliger Wunden zu mir. Er verzieht sich bald wieder in seinen Verhau aus Holzkisten und Müllsäcken. Ich bin sehr, sehr müde und will nur noch liegen, lasse mich langsam zur Seite fallen, ziehe meine Beine an, vergrabe meine Armen und meinen Kopf zwischen sie. Von unten, von der Seite sehe ich dass immer mehr Menschen wie Gespenster an mir vorbei ziehen, niemand bemerkt mich mehr, ich will nichts mehr mit ihnen zu tun haben und schlafe ein. Ich weiß nicht, wie viel später, ich wache auf, es ist dunkel, nur das fahle Licht einer gelblichen Laterne fällt auf die Straße, und ich friere. Direkt neben mir liegt wie eine Mumie eingewickelt ein Mensch, dessen Geschlecht und Alter ich nicht schätzen kann, weil er so heruntergekommen ist, eitrige Pusteln und Borsten hat er im Gesicht, alle Zähne fehlen ihm, so liegt er mit geöffnetem Mund gegen die geriffelte Stahl-Jalousien eines Lagern gedrückt. Ich warte und liege lange, und es wird hell. Mir ist übel, vor Hunger wahrscheinlich. Ich stehe auf und gehe, um nach etwas Essen zu suchen. Ich werde von der Polizei angehalten, der Beamte spricht mich grob und bestimmend aus seinem Wagen heraus an, beide Männer steigen aus, mit der Hand an ihrer Pistole, und fordern mich auf, meine Arme auf das Dach des Wagens zu legen, meine Beine zu spreizen, sie greifen mich ab und schauen verdutzt was dieser verdreckte Deutsche hier zu suchen hat. Um nicht verhaftet zu werden, kläre ich sie auf.

Wir liegen, sitzen, lungern verstreut am Strassenrand, vielleicht 60 Männer und Frauen. Manche bei ihren aus Plastikplanen zusammengeschnürten Zelten. Um die Ecke werden es noch viele mehr, Hunderte leben hier so auf der Straße in Downtown. Auf Los Angeles verteilt sind es einige Tausend. Ein großer, stark buckeliger, tief schwarzer, vollbärtiger Mann mit rot unterlaufenen Augen und sabberndem Mund kommt auf mich zu, er krächzt, stöhnt einen Schwall schizoider Verschwörung und Halluzination hervor, wendet sich wieder ab, geht ein paar Meter weiter, zieht sich die Hose runter und scheißt wie ein Hund auf die Straße. Es stinkt wahnsinnig. Ich kann hier nicht bleiben, raffe mich auf und suche mir eine neue Straße, einen neuen Liegeplatz. Ich drücke mich an eine Hauswand. Es ist ziemlich dunkel geworden, keine Strassenbeleuchtung, irgendwelche Papierfetzen, Zigaretten Stümmel, ich schlafe irgendwie ein, meine Arme und Beine, meine Hüfte tut weh, ich fühle mich fiebrig, dämmere, schrecke auf, jemand schreit und weint nicht weit entfernt, einer, der den Stimmen in seinem Kopf antwortet, vielleicht.

Ich habe über 20 Stunden nichts gegessen, ich frage mich durch, wo es etwas zu essen gibt, nicht weit gibt es eine Ausgabestelle. Ich gehe dort hin, niemand da. Ich warte und sitze dort vielleicht zwei Stunden, ich bin so schwach geworden, Leute trudeln ein, es gibt kleine, weiße Sandwiches mit Schinken und Käse. Ich esse, so viele ich kann, vielleicht vier, nehme mir zwei mit und laufe los. Ich will reden und setze mich zu zwei Männern und hebel mich mit einem kleinen, vorsichtigen Zug aus der Crackpfeife, die sie mir anbieten, aus meiner Dumpfheit. Glück flutet meinen Körper. Ich liege herum mit geöffneten Augen und träume das süßeste Zeug, während die beiden akribisch irgendetwas in ihre Taschen sortieren und sich volllabern. Ich dämmere weg, wache mit riesigen Kopfschmerzen auf, ich gehe nach Hause und schlafe.

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